CIOs sehen sich auf der Business-Seite
15.11.2006
Autor(en): Karin Quack.

Nur wenige plädieren nach wie vor für die Vermittlungsrolle zwischen IT und Geschäft.
Die weitaus meisten CIOs sehen sich heute eher auf der Business- als auf Technikseite. Wobei einige diesen Schritt nur halbherzig vollzogen haben. Mitunter klingt es wie ein Lippenbekenntnis, wenn sie davon sprechen, dass man Verständnis haben müsse für die "Schmerzen" des Business. Und es beschleicht einen der Eindruck, dass diese CIOs aufgegeben haben. Sie halten zwar eine Management-Position, sind aber der Rolle des klassischen IT-Leiters verhaftet. Ein solcher CIO hat die Rechner- und Netzkapazität angepasst, die Release-Wechsel der Software ordentlich geplant und vollzogen, aber im Grunde sieht er die Geschäftsseite als etwas Äußeres an, manchmal sogar als Feind - dann nämlich, wenn sie das Budget beschneidet oder Anpassungen in zu kurzer Zeit verlangt.
Ewig Getriebene

Peter Sany, CIO Deutsche Telekom:"Ich glaube, dass der CIO eine größer werdende Schnittmege von Technik und Prozessen managen muss."
Zudem interpretieren die CIOs das "Business" durchaus unterschiedlich. Die einen verstehen Business-Orientierung als eine Herangehensweise an die IT. Sie versuchen, sie wie eine Geschäftseinheit zu managen. Dabei stehen jedoch Budget- und Kostenüberlegungen im Vordergrund; strategisches Denken kommt oft zu kurz. Die alles bewegende Frage lautet: Wie viele der Anforderungen können erfüllt werden, ohne den Budgetrahmen zu überschreiten? Diese CIOs sind ewig Getriebene. Das Geld ist einfach immer zu knapp, um einerseits den ständigen Optimierungshunger der Fachbereiche zu befriedigen, andererseits einen reibungslosen Betrieb der Infrastruktur und der Kernapplikationen sicherzustellen.
Aus diesem Dilemma resultieren eine ständige Unzufriedenheit der Fachabteilungen mit der IT und eine mit der Zeit immer tiefer greifende Frustration auf der IT-Seite. Sie speist sich aus dem strukturellen Unvermögen der IT, den Anforderungen der Business-Seite gerecht zu werden.
Richtig verstandene Business-Orientierung hat nichts mit der Verleugnung der Informationstechnik zu tun. Sie speist sich sogar ein Stück weit daraus. Was damit gemeint ist, macht Adrian Bult, früherer CIO und heute CEO von Swisscom Mobile, deutlich: "Ich unterschreibe den berühmten Satz von Nicholas Carr - IT doesn?t matter - nicht. Im Gegenteil: Sie ist extrem wichtig. Nehmen Sie doch nur das jetzt aufkommende Internet-Fernsehen. Wenn Sie diese Technologie nicht verstehen und nicht in ein Geschäftsmodell übersetzen können, dann sind Sie in unserer Branche weg vom Fenster."
Zwei Betrachtungsweisen
Für Bult gibt es zwei Betrachtungsweisen der IT: als Funktion und als inhärenten Bestandteil von Prozessen, Produkten oder Services. "Der CIO muss beides zusammenbringen. Er muss mir zeigen, dass er die Funktion beherrscht, das füllt etwa 30 Prozent seiner Aufgabe. Die restlichen 70 Prozent muss er zeigen, dass er mit Informatik meine Kernprozesse effizienter machen kann", sagt der Swisscom-Mobile-CEO. Vor allem stelle sich für ihn aber die Frage: Was leistet der CIO auf der Produktseite? "Das ist für eine Telekommunikationsfirma wie unsere natürlich sehr wichtig, weil jedes Produkt bei uns zu einem großen Teil aus Informatik besteht." Der CIO habe immer zwei Hüte auf, eine Kapitäns- und eine Kochmütze: "Die Kochmütze symbolisiert seine Serviceaufgabe und die Kapitänsmütze die Leadership-Aufgabe."
Öffentliche Glaubenssätze
Als ein wichtiges Mittel, den Führungsanspruch zu untermauern und gleichzeitig die IT klar auszurichten, betrachtet Bult öffentliche Credos des CIO. "Zu Beginn meiner Tätigkeit als CIO bei der Swisscom habe ich den Satz ausgegeben: Wir nehmen jedem Anwender seinen PC und seinen Drucker ab und ersetzen ihn durch einen von drei Typen, die den Standard für das ganze Unternehmen darstellen." Die Anwender hätten sich zunächst heftig beschwert. Aber da müsse der CIO durch - trotz eines gewissen Risikos: "Wenn es den gewünschten Effekt bringt, super! Wenn nicht, fliegen Sie raus. Aber das ist auf der Geschäftsseite auch nicht anders."