Brockhaus und Kieselalge eine wundersame Verbindung
04.09.2006 um 14:02 Uhr

In der aktuellen Ausgabe des verlagswelt MAGAZIN schreibt Floriane Kappler, Project Manager bei Team Syntegrtiy Europe, über die turbulenten Zeiten des Pressemarktes vor nicht allzulanger Zeit und wie Brockhaus die Syntegration einsetzte, um ihren erfolgreichen Weg weiterzuentwickeln.
Die heftigen Turbulenzen auf dem deutschen Pressemarkt scheinen erst einmal überwunden zu sein. Es ist nicht allzu lange her, da waren Verlagshäuser noch damit beschäftigt, ihre eigenen schlechten Nachrichten zu publizieren. Personalabbau in dreistelliger Höhe, sinkende Auflagenzahlen und Anzeigenerlöse, Strukturwandel und Abwanderung wichtiger Erlösfelder in andere Mediengattungen machten der Branche zu schaffen.
Für Kenner der Materie ist dies allerdings nur die Ruhe vor dem Sturm. Obwohl die Zeichen der Erholung spürbar sind, werden Erlöse immer weniger in den angestammten Geschäftsbereichen der Verlagshäuser generiert.
Es nimmt nicht Wunder, wenn sich die Stimmen der Veränderer in Anbetracht dieser Ausgangslage immer lauter Gehör verschaffen. Obwohl ihre Forderungen die gesamte Bandbreite verlegerischen Könnens von ?back to the roots? bis zu ?die Welt neu erfinden? umfassen, bleibt ihre Kernaussage doch gleich: Das Volk der Dichter und Denker schätzt weiterhin die Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre und nimmt gerne ein Buch zur Hand, nur eben heute anders als gestern.
Doch genau dieses anders ist es, was deutschen Verlegern Kopfzerbrechen bereitet. Angesichts leerer Kassen mag es in der Tat manchem von ihnen schwer fallen, eine ungebremste Risikofreude an den Tag zu legen, muss ein möglicher Misserfolg in aller Regel teuer bezahlt werden. Da ist von individualisierten Medienangeboten die Rede, von verschwimmenden Gattungsgrenzen, und immer mehr Verlage halten Ausschau nach gänzlich neuen Geschäftsfeldern, wie etwa der Briefzustellung oder der Telefonie. Die Aktivitäten der Verlagsbranche erscheinen keineswegs kopflos, allerdings mag man bei manchen Aktionen deren Wirksamkeit und Nachhaltigkeit bezweifeln. Auf der Suche nach dem richtigen Geschäftsmodell, der richtigen Unternehmensstrategie oder dem richtigen Produkt gehen Verlagshäuser ganz unterschiedliche Wege.
Seinen erfolgreichen Weg weiterentwickelt hat der Verlag Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG. Das traditionsreiche Unternehmen ? 2005 feierte Brockhaus seinen 200. Geburtstag ? gilt seit jeher als Referenz für objektives Wissen, und die beeindruckenden Bände schmücken etliche Regalmeter in deutschen Wohnzimmern. Eine sichere Bank anhaltenden Unternehmenserfolges.
Die Brockhaus Manager sind nach eigenem Bekunden zwar traditionsverbunden, jedoch nicht traditionsverhaftet, und sie haben rechtzeitig erkannt, dass Veränderungsprozesse nicht vor 30 Bänden geballtem Wissen halt machen. Das Internet, neue Produktionstechniken und sich wandelnde Mediennutzungsgewohnheiten prägen das externe Umfeld des Verlages und definieren auch die unternehmensinternen Rahmenbedingungen partiell neu und anders. Das Management stand vor der Herausforderung, der Komplexität des Umfeldes und der Schnelligkeit von Veränderungsprozessen wirksam zu begegnen. Im Zentrum des Interesses stand für Brockhaus die Frage nach den medialen Anforderungen des 21. Jahrhunderts für eine zeitgemäße Enzyklopädie als crossmediales Produktangebot.
Zur Erreichung dieses Zieles galt es, eine adäquate Methodik für deren Erarbeitung zu finden. Die Natur stand Pate für jene faszinierende Vorgehensweise, das Know-how, die Expertise und Erfahrung der eigenen Mitarbeiter konsequent frei zu setzen und zu vernetzen. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich damit unter allen Projektbeteiligten ein gemeinsames Verständnis über die unternehmerische Herausforderung und die notwendigen Schritte für Konzept und Umsetzung.
Die Frage war: Welchem Verfahren gelingt es in dieser komplexen Situation, zu umfassenden, nachhaltigen Entscheidungen zu gelangen?
Man setzte auf eine intensive und hochwirksame Methode mit dem Namen ?Syntegration®?. Sie erleichtert die Entscheidungsfindung durch eine hochwirksame Verbindung von Schnelligkeit, Wissensintegration und Umsetzungswillen. Dadurch ist sie insbesondere für sehr schwierige und komplexe Herausforderungen wie die Strategie-/Produktentwicklung geeignet, zu deren Lösung viele Menschen mit unterschiedlichem Wissen in wichtigen Schlüsselpositionen zusammengeführt werden müssen. Bemerkenswert ist dieses Verfahren nicht nur aufgrund seiner Wirkung, sondern auch wegen seines Ursprungs. Pate für die zugrunde liegende dreidimensionale Kommunikationsstruktur stand die Natur, genauer eine 500 Millionen Jahre alte Kieselalge.
Ikosaeder integriert große Gruppen optimal
Prof. Stafford Beer, Gründer der Management Kybernetik und Erfinder der Syntegration, nahm diese und weitere Erkenntnisse aus Architektur und Geometrie als Grundlage für seine Entwicklung. Ergebnis seiner wissenschaftlichen Forschung war eine Struktur mit 12 Eckpunkten und 30 Kanten.
Verblüffende Erkenntnis: Die Bauprinzipien der Natur lassen sich nicht nur in der Architektur nutzen, sondern liefern auch die optimale Struktur zur Integration der Schlüsselpersonen in Strategieprozessen.
In diesem Ikosaeder, dem grössten der insgesamt fünf platonischen Körper, fand Beer die optimale Struktur für die wirksame Integration grosser Gruppen. Die Eckpunkte stehen in dieser Struktur für die Teilthemen, die von der Gruppe gemeinsam aus der Eröffnungsfrage abgeleitet werden. Bei Brockhaus lautete diese Eröffnungsfrage: ?Wie müssen wir die 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie konzeptionell gestalten und das Projekt organisieren, damit wir zum Jubiläum 2005 einen herausragenden Erfolg am Markt erzielen?" Die Teilnehmer befassten sich mit allen relevanten Aspekten, die es in diesem Zusammenhang zu beantworten galt, zum Beispiel Inhalt, mediale Produktausprägungen, Workflow, Wissensnetz, Vertriebswege. Die Streben des Ikosaeders, also die Verknüpfungen zwischen den Themen, stehen in diesem Modell für einzelne Personen, die über ihr Kurzzeitgedächtnis und die unterschiedlichen Rollen von Teammitglied, Kritiker und Beobachter eine selbst organisierte Vernetzung der Teilthemen bewirken.
Diese Struktur erzeugt einen so enormen Grad der Vernetzung, dass nach nur drei Tagen über 90 Prozent des gesamten verfügbaren Wissens der Beteiligten über alle Köpfe hinweg verteilt ist. Auf dieser Basis entsteht neben der Einsicht in die beste mögliche Lösung bei allen Schlüsselpersonen auch ein tief greifendes Verständnis für die notwendigen Handlungsschritte.
Im Falle Brockhaus ist intensiv und mit viel Engagement und Emotionen diskutiert worden. Durch die Disziplin in der Diskussion, die Integration des Wissens und die Vernetzung aller Teilnehmer gelang es jedoch, umfassende Lösungen und konkrete Massnahmen zu entwickeln.
Als Ergebnis dieser faszinierenden Initialzündung erschien plangemäß im Jubiläumsjahr 2005 die 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie: Umfassend wie nie mit 30 Bänden in der gedruckten Ausgabe, innovativ und neue Maßstäbe setzend die digitale Ausgabe durch den kompletten Inhalt auf USB-Stick, dauerhaft aktuell durch das Online-Portal. Beide Ausgaben wurden durch eine Audiothek mit über 3000 Hörbeispielen ergänzt. Flankiert wurde die erfolgreiche Neuauflage hinter den Kulissen durch wertvolle Optimierung bei Ablauf, Kosten- und Zeitfaktoren. Auch interne Prozessstrukturen wurden verbessert und in Sachen Vertriebswege und Produktdesign nachhaltige Lösungen erarbeitet.
Das geschilderte Verfahren wird vom Malik Management Zentrum St. Gallen unter dem Namen Syntegration® an geboten. In über 120 Anwendungen für Gruppen von 9 bis 42 Personen und mit einer Dauer von einem bis vier Tagen konnte die Wirksamkeit der Methode zur Bewältigung komplexer Fragestellungen jedes Mal eindrücklich unter Beweis gestellt werden.
Floriane Kappler, Projekt Manager, Malik Managementzentrum St. Gallen
Bei Brockhaus sind die positiven Nachwirkungen des Syntegrationsprozesses noch heute wirksam. Sie tragen bei zur erfolgreichen Bewältigung der neuen Herausforderungen des Medienmarktes.